Die „eindeutigen Stellen“

Christen beziehen gewöhnlich ihre Sicht über Homosexualität aus den nicht mehr und nicht weniger als sechs gemeinhin darauf bezogenen Bibelstellen (im Vergleich dazu: „Gnade“ 335-mal, „Liebe“ 174-mal, „Herrlichkeit“ 252-mal…). Natürlich ist auch eine durch Schrifstellen nur schwach gestützte Thematik nicht minder wichtig. Unten liste ich kurz auf, warum ich sehr überzeugt bin, dass es sich um ein Fehlverständnis dieser Schriftstellen handelt – wenn ihr so wollt, kann ich auch deutlicher „Irrlehre“ sagen – , welches aus diesen Bibelstellen die liebevolle partnerschaftliche und verbindliche Zuneigung zweier Menschen als Sünde interpretiert. Doch plastischer bringt es der namhafte Tübinger Theologe Siegfried Zimmer zur Sprache, und ich empfehle sehr, sich die Mühe zu machen, diese 1,5h-Predigt anzuhören (auch die zweite Hälfte, die die äußerst wichtige Konsequenz aus der ersten Hälfte aufzeigt).

Hier kurz zusammengefasst die Bibelstellen, die gemeinhin für das „Verbot“ von Homosexualität herangezogen werden. Dazu muß man allerdings vorweg feststellen:

  • Den Begriff Homosexualität (mit den Inhalten, die ihn definieren) gibt es erst seit den 1960er Jahren. Einfach diesen Begriff an den betreffenden Stellen in die Übersetzung einzusetzen, ist sprachlich und theologisch definitiv völlig unkorrekt.
  • Keine der betreffenden Stellen spricht über verantwortliche, treue, langjährige gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Warum nicht? Schlicht und einfach, weil diese in der Zeit des Alten und Neuen Testaments gesellschaftlich nicht lebbar gewesen waren.

Sodom und Gomorrah (Gen 19)

Diese Stelle hat am wenigsten mit Homosexualität zu tun, auch wenn sie ihr im Volksmund (siehe das Wort „Sodomie“ für Homosexualität) immer zugeordnet wird. Darüber sind sich die meisten Schriftausleger heute recht einig.

  • Bei der ruchlosen Bevölkerung der Männer Sodoms, die an Lots Gästen ihren Mutwillen treiben wollten, handelte es sich nicht um homosexuell empfindende Menschen, was man schon daran merkt, dass Lot ihnen seine Töchter anbot, sowie auch daran, dass hier über die gesamte Bevölkerung der Stadt berichtet wird. Stattdessen geht es hier um ganz gewöhnliche böswillige heterosexuelle Männer, die mit sexuellem Mutwillen eine schon im Altertum bekannte besonders drastische Art der Unterwerfung und Verachtung anderer praktizierten. So scheuten sie nicht einmal vor Mord zurück.
  • Sodom und Gomorrah wird an vielen Stellen der Schrift immer wieder zitiert (Hes 16,49, Luk 17,28-29). Bei keinem dieser Zitate geht es um Sexualität zwischen Männern, nicht einmal um Sexualität überhaupt. Gottes drastischer Tadel, der hier ausgedrückt wird, hat einen anderen Grund. Bitte nachsehen.

Levitikus

3. Mose 18,22 „Und bei einem Mann sollst du nicht liegen, wie man bei einer Frau liegt: ein Gräuel ist es.“
3. Mose 20,13 „Und wenn ein Mann bei einem Mann liegt, wie man bei einer Frau liegt, dann haben beide einen Gräuel verübt. Sie müssen getötet werden, ihr Blut ist auf ihnen.“

…genauso wie derjenige getötet werden muss, der bei einer menstruierenden Frau liegt. Und ein Gräuel ist es genauso, wie es das Essen von Schalentieren ist. Wenn wir so sicher sind, dass die Bibel so klar darüber spricht, haben wir vielleicht selbst die Bibel nicht so sorgfältig gelesen. Sonst würde einem da einiges mehr auffallen.

Diese Stellen sind Teil des Heiligkeits-Codex, der Israel gegeben wurde, um sich von den Praktiken der sie umgebenden Völker abzugrenzen. Teil deren sexuellen Praktiken war Analverkehr als Ausdruck der sozialen und politischen Unterwerfung.

Was ist der Maßstab dafür, welche der Regelungen für heute so anwendbar sind und welche nicht? Das können wir erst feststellen, wenn wir hinter dem Buchstaben hören, was Gott hier eigentlich zum Ausdruck bringen will. Man sagt, „wir sind biblisch“, aber in Wirklichkeit entscheidet gar nicht die Bibel, sondern die Auslegungstradition und das persönliche Empfinden. Oder wo ist die Trennlinie? Hier sollten wir Bibeltreue einmal unsere wirkliche Bibeltreue hinterfragen.

Jesus tadelte die, die dem Buchstaben des Gesetzes treu waren, aber den Sinn und den darin zum Ausdruck kommenden Charakter Gottes überhaupt nicht im Stande waren zu sehen. Diese tadelte er mehr als alle anderen Sünder, denn sie waren ja vermeintlich gar keine. Der Charakter Gottes wird uns aber durch die ganze Schrift in Tausenden Versen gezeigt: Gott schützt den Schwachen und den Armen, widersetzt sich den Hochmütigen (siehe oben Missbrauch von Sexualität zum Zweck der Unterwerfung…).

Die Sündenkataloge bei Paulus (1 Tim 1,9-10 und 1 Kor 6,9-10)

1. Tim 1,9-10 Indem er dies weiß, dass für einen Gerechten das Gesetz nicht bestimmt ist, sondern für Gesetzlose und Widerspenstige, für Gottlose und Sünder, für Heillose und Unheilige, Vatermörder und Muttermörder, Mörder, 10 Unzüchtige, Knabenschänder, Menschenhändler, Lügner, Meineidige, und wenn etwas anderes der gesunden Lehre entgegensteht.

Diese Bibelstellen werden besonders im angelsächsischen Bereich fast durchweg mit „homosexuals“ übersetzt, ein geschichtlich-kulturell vollkommen unzutreffende Übersetzung.

  • Hier bezieht sich Paulus auf die Praxis reicher verheirateter griechischer und römischer Männer, die sich nach ihren Gelagen noch einen schönen Jüngling bringen ließen – eine Abartigkeit von Sexualität, die mit ebenbürtiger Liebe und gegenseitiger Ehrerbietung nichts zu tun hat. (Ich weiß, ich schreibe hier sehr kurz über die damaligen Praktiken, näheres kann man z. B. hier finden.)
  • Eine andere Art „Homosexualität“ kannte Paulus nicht, konnte also darüber auch nicht schreiben.

Römerbrief (Röm 1,26-27)

26 Deswegen hat Gott sie dahingegeben in schändliche Leidenschaften. Denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr in den unnatürlichen verwandelt, 27 und ebenso haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen, sind in ihrer Wollust zueinander entbrannt, indem sie Männer mit Männern Schande trieben, und empfingen den gebührenden Lohn ihrer Verirrung an sich selbst.

  • Wie Paulus in Röm 2 über die Sünden der Juden spricht, so tut er es in Röm 1 über die Sünden der Heiden, und verwendet ein möglichst allen offenkundiges Beispiel der Verderbtheit, die herauskommt, wenn man Gott nicht mehr ehrt und ihm dankt, sondern sich selbst auf den Thron setzt (man lese den Zusammenhang von Röm 1 ab Vers 18). Diese Verderbtheit fand sich in der römischen Praxis, welche ich oben kurz erwähnt habe.
  • Es ging dabei eben nicht um „Homosexuelle“, die also für Menschen des anderen Geschlechts keine sexuelle Anziehung empfinden, sondern typischerweise war dies eine Praxis verheirateter (heterosexueller) Männer, die insofern den für sie „natürlichen Verkehr“ zugunsten ihres dekadenten und herabwürdigenden Spaßes aufgaben.

Mir ist bewußt, dass ich sehr kurz geschrieben habe. Wen eine umfassendere gründliche und ehrliche theologische Betrachtung der biblischen Aussagen interessiert, dem empfehle ich sehr das Buch von Valeria Hinck: „Streitfall Liebe“.

 

Mehr Stellen gibt es in der Schrift nicht. Dies muss auch klar festgehalten werden, weil viele (offenbar aus rein emotionalen Gründen) daran festhalten, dass trotz dieser Betrachtung die Bibel „irgendwie“ doch dagegen ist. Man hat es halt von klein auf so gehört. Also ist es so. Dies hat mit Bibeltreue nichts zu tun!

Vielleicht darf ich zum Schluss, nach dieser sehr auf die wenigen expliziten Erwähnungen verengten Betrachtungsweise, nur kurz andeuten, dass die Schrift uns ja eine viel breitere Basis an Quellen der Erkenntnis des Willens Gottes gegeben hat.